Nutzung von Erdwärme

Das heutige Interview führen wir im Rahmen der Bodenbewusstseins-Kampagne für Boden-mal-anders.

Herr Jensen, wie schätzen Sie den Boden als Energieträger ein?

Der Boden ist eine enorme Energiequelle, die der Mensch nutzbar machen kann. Der Boden enthält Energie, die zum Teil aus der Sonneneinstrahlung und dem Niederschlag aber auch aus dem Erdinneren kommt, wo permanent Wärme von innen nach außen steigt. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie man dem Boden diese Wärme entnehmen kann, z.B. über in Bohrungen eingebaute Erdwärmesonden oder über Erdwärmekollektoren. Bei Kollektoren werden Rohre in etwa 1,5 Meter Tiefe schleifenförmig in den Boden verlegt, über die dem Boden die Wärme entzogen wird. Die Wärme aus dem Boden wird dann über eine Wärmepumpe auf ein höheres Temperaturniveau angehoben, um damit z. B. ein Haus beheizen zu können.

Dann sind da ungeahnte Potenziale im Boden, die sollten wir nutzen.

Ja, sogar mehr Potenzial, als wir als Menschen nutzen können.

Sie beraten Behörden, Kommunen, Bürger und Wirtschaft rund um das Thema Erdwärme. Was ist unter der Nutzung von Erdwärme zu verstehen?

Bei der Erdwärmenutzung unterscheiden wir zwei große Bereiche: Das ist zum einen der Bereich Tiefengeothermie, bei dem es um Kraftwerke und große Energieanlagen geht, die z. B. ganze Stadtteile mit Wärme versorgen können. Dafür werden meist Bohrungen bis in mehrere Tausend Meter Tiefe benötigt. Zum anderen gibt es den Bereich der oberflächennahen Geothermie. Dies ist der Markt der Erdwärmenutzung für den normalen Bürger, d. h. für die Beheizung oder die Kühlung von normalen Wohnhäusern, aber auch Bürogebäuden, Schulen, Kindergärten und ähnliches.

Also unter dem Begriff "oberflächennahe Geothermie" versteht man die Nutzung geothermischer Energie im Bereich zwischen der Geländeoberfläche und einer Tiefe von 400 Metern?

Da muss ich noch ein bisschen ergänzen: Die Grenze von 400 Metern zwischen oberflächennaher und tiefer Geothermie ist per Definition richtig, aber in der Praxis wird "oberflächennahe Geothermie" meistens im Bereich bis ungefähr 150 Meter genutzt. Die Fälle, in denen es im oberflächennahen Bereich tiefer geht, sind sehr selten.

Wie muss ich mir das technisch vorstellen, also in der Praxis?

Oberflächennahe Geothermie ist längst eine Standard-Technologie mit bewährter Praxis: Es wird zunächst eine Vorplanung gemacht, in der es darum geht, wie viel Energie mein Haus braucht. Auf Basis dieser Energiemenge kann ich abschätzen, wie groß ich meine Erdwärmeanlage im Untergrund auslegen muss. Das ist folgendermaßen zu verstehen: Für eine Erdwärmesonde muss ich ein Loch bohren, in das ein Wärmetauscher – z.B. ein U-förmiges Kunststoffrohr – eingebaut wird. Alternativ können auch Kollektoren, also flächig verlegte Rohre, in den oberen 1-2m Tiefe verlegt werden. Durch diese Rohre fließt eine Wärmeträgerflüssigkeit, die dem Boden die Wärme entzieht und ins Haus transportiert. Im Haus selbst steht dann eine Wärmepumpe, die das Temperaturniveau aus dem Untergrund auf ein Heizniveau für das Haus anhebt. Anschließend fließt das abgekühlte Wärmeträgermittel im Rohrkreislauf wieder durch den Untergrund und kann erneut Wärme aus dem Boden aufnehmen.

Und das Ganze nennt man "oberflächennahe Geothermieanlagen"?

Ja, Anlage deshalb, weil sie aus verschiedenen Komponenten besteht. Zur Anlage gehört der Wärmetauscher, also die Erdwärmesonde oder der Erdwärmekollektor im Boden, die Wärmepumpe im Gebäude und das Wärmeverteilsystem, das die Heizleistung verteilt, also z.B. die Fußbodenheizung. Das zusammen ist eine Geothermieanlage.

Und die nutze ich zur Beheizung beziehungsweise zur Kühlung von Gebäuden?

Ja, damit können Gebäude komplett geheizt oder eben auch gekühlt werden.

Wenn ich mich jetzt dafür interessiere, wie finde ich heraus, ob das für meinen Standort, für mein Wohnhaus überhaupt möglich ist und ob es sich für mich lohnt?

Genau diese Frage beantworten wir regelmäßig und haben dafür verschiedenste Hilfsmittel entwickelt: Es gibt zum Beispiel eine Online-Anwendung, die sich "Geothermie – Geht das bei mir?", nennt. Hier kann jeder Bürger eingeben, wo er wohnt und welchen Energiestandard sein Haus in etwa aufweist. Mit wenigen Mausklicks bekommt er eine Aussage darüber, ob an seinem Standort der Bau einer Geothermieheizung möglich ist. Neben der genehmigungsrechtlichen Frage wird außerdem beantwortet, wie groß er die Anlage in etwa bauen lassen muss und was sie ihn ungefähr kostet. Der Bürger erhält also eine erste Abschätzung, ob das wirklich für ihn infrage kommt.

Das klingt interessant. Als Niedersächsisches Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie sind Sie in erster Linie für Niedersachsen zuständig, das heißt, diese Anwendung gilt auch nur für Niedersachsen?

Das stimmt, "Geothermie – Geht das bei mir?" ist eine Anwendung für die Bürger Niedersachsens. Aber auch in den benachbarten Bundesländern wird an ähnlichen Programmen gearbeitet. Bei Fragen, die über die Grenzen Niedersachsens hinausgehen, helfen wir weiter bzw. vermitteln den Kontakt zu den Kollegen in den benachbarten Bundesländern.

Das heißt, das, was Sie tun, strahlt über die niedersächsischen Landesgrenzen hinaus? Wie würden Sie denn ihren Wissensstand, ihre Expertise im nationalen und vielleicht sogar internationalen Vergleich einschätzen?

Die Erfahrung, die wir mit der oberflächennahen Geothermie gemacht haben, ist relativ tiefgreifend. Wir sind hier gut aufgestellt, sowohl im nationalen als auch im internationalen Vergleich. Die Technik der Erdwärmegewinnung über Wärmepumpen findet vorwiegend im Raum Nordeuropa statt - in Skandinavien und im deutschsprachigen Raum. Das sind die Länder, die führend im Einsatz dieser Technologie sind. Innerhalb dieser Länder wiederum ist Deutschland und eben auch Niedersachsen eins der führenden Länder, was das (Wissens-) Know-how angeht.

Das überrascht jetzt aber! Gibt es denn auch schon Wissenstransfer in andere Bundesländer?

Ja, wir haben einen Erfahrungsaustausch zwischen den norddeutschen Ländern initiiert. Hier werden im Bereich der Geothermie regelmäßig die aktuellen Erkenntnisse ausgetauscht und das Know-how an andere weitergegeben. Auch über die Grenzen hinweg gibt es diesen Austausch zu unseren Nachbarländern. Wir haben regelmäßig Tagungen wie die Norddeutsche Geothermietagung, bei der auch Kollegen aus den Niederlanden, aus Dänemark oder aus Polen von ihren entsprechenden Erfahrungen berichten und auch von unseren Erfahrungen profitieren können.

Das bedeutet, dass letztendlich Sie über erhebliche Kompetenzen auf diesem Gebiet verfügen. Lässt sich quantifizieren, wie stark ihre Expertise nachgefragt wird? Bezogen auf Ihre Anwendung zum Beispiel. Gibt es Zahlen darüber, wie stark diese Instrumente genutzt werden?

Ja, es gibt Zahlen über diese Anwendung, natürlich zum einen die Zugriffszahlen, wie oft diese nachgefragt wird. Wir bekommen aber auch über die digitale Erfassung von gebauten Anlagen sehr realistische Zahlen, wie sich dieser Markt entwickelt. In Niedersachsen sind im Augenblick ca. 12.000 geothermische Anlagen in Betrieb. Pro Jahr kommen knapp 1000 Anlagen hinzu. Dieses Wachstum ist seit mindestens 5 Jahren stabil. Niedersachsen hat im letzten Jahr den Preis "Aufsteiger des Jahres" der sogenannten „Erdwärmeliga“ bekommen. Das bedeutet, wir hatten das stärkste Wachstum im Bereich der Geothermie bundesweit!

Wie wichtig sind für diesen Erfolg diese eben genannten Instrumente, Auskunftssysteme?

Auskunftssysteme sind sehr wichtig, um eben die Technologie publik zu machen. Die Bürger sollen erfahren, ob gute Möglichkeiten bestehen, ihr Haus mit dieser Alternative zu konventionellen Heizsystemen zu beheizen.

Am 7. Oktober diesen Jahres hat die 8. Norddeutsche Geothermietagung im LBEG in Hannover stattgefunden. Unter dem Motto "Experten entwerfen Zukunftsperspektiven für effiziente und umweltverträgliche Erdwärmenutzung" wurde diskutiert. Über welche Erkenntnisse bzw. Ergebnisse können Sie berichten?

Eine der grundlegenden Erkenntnisse ist, dass sich auf politischer und auf kommunaler Ebene mehr und mehr durchsetzt, dass die Energiewende auch eine Wärmewende bedeutet. Das heißt, wir dürfen nicht immer nur auf regenerativen Strom fokussieren, sondern müssen auch danach schauen, wo wir die Wärme her bekommen. Der größte Teil des Energiebedarfs in Deutschland, und auch in Niedersachsen, ist die Wärme! Hier hat die Geothermie eine bedeutende Stärke, weil sie nahezu überall einsetzbar ist. Dargestellt wurden verschiedenste Methoden, wie man Geothermie in der Wärmebereitstellung implementieren kann.

Also ist der Boden mal wieder anders, als der ganz normale Bürger es ihm zutraut. Er kann tolle Dinge leisten, die wir nur noch besser nutzen müssen.

Es steckt ein großes Potenzial in den Böden und wir können dies zukünftig noch mehr als bisher nutzen!

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview: G. Hilmes

Dr Holger Jensen
Holger Jensen berät die Bürger in Niedersachsen über Möglichkeiten der Nutzung von Erdwärme.
Interviewpartner
Interviewpartner:
Herr Hilmes (links, e-strict),
Holger Jensen (rechts, LBEG)